1. Kapitel
Wie jeden Morgen lenkte ich den dunkelblauen Ford Coupe auf den kleinen Parkplatz vor meinem Stammcafe. Es war noch recht früh, gerade mal halb acht und dementsprechend leer. Ich parkte den Wagen direkt vor dem Eingang und stieg aus. Langsam ging ich die wenigen Meter bis zur breiten Glasfront hinüber, ehe ich das Cafe betrat. Sofort nahm mich eine angenehme Wärme ein, es duftete nach frisch geröstetem Kaffee und gebackenen Muffins. Die Wände waren in einem blassen Gelbton gehalten, bequeme Ledersessel waren großzügig um kleine, runde Tische arrangiert und gaben dem Raum eine einladende Atmosphäre. Das Licht war nur sparsam eingesetzt und leise Musik durchbrach die Stille. Hier und da waren Stimmen zuhören oder unscheinbares Geschirrklappern. Aber bis auf zwei Frauen im hinteren Teil des Cafes, die sich angeregt unterhielten und einer einzelnen Person am Tresen war es unbesucht.
Seit nun mehr als 2 Jahren kam ich jeden Morgen vor der Arbeit hierher und genehmigte mir einen großen Milchkaffee. Es war einfach genau das was ich vor einem anstrengendem Tag im Büro brauchte. Und die knappe halbe Stunde, die ich dann hier verbrachte hatte ich oft genug auch bitter nötig. Ich brauchte einfach diese Zeit, um erst mal richtig wach zu werden und mich auf hektische Geschäftstermine, Stapel von Papierkram und ein ständig klingelndes Telefon einzustellen. Das war mein Ruhepol und allmorgendlich bereite ich mich hier auf die große, stürmische Welt vor, die hinter der schweren Glastür auf mich wartete.
Es war hier anders als in den meisten Cafes, dies war keiner dieser überfüllten Szeneläden, sondern zählte eher als Geheimtipp. Man konnte hier ungestört frühstücken und vereinzelt kamen Geschäftsleute in ihrer Mittagspause hierher und erledigten die liegen gebliebene Arbeit nebenbei.
Schlendernd ging ich zum Tresen hinüber und ließ mich auf einem der hölzernen Barhocker nieder. Augenblick kam auch schon Jerry auf mich zu und lächelte mir freudig entgegen. Ich fragte mich aufs Neue wie man mitten in der Nacht nur so gut drauf sein konnte und schüttelte ungläubig den Kopf. Guten Morgen, Prinzessin. Einen großen Milchkaffee mit extra Milch?, fragte er lächelnd. Ich nickte müde, noch immer nicht bereit auch nur ein knappes Wort von mir zugeben.
Es war einfach nicht meine Zeit. Das war es nie gewesen. Seit ich denke konnte, war ich ein Morgenmuffel und versuchte meine Aufstehzeiten soweit wie möglich in den Mittag hinein zuschieben. Doch bei meinem Job war das leider nur selten möglich.
Dankbar blickte ich auf, als er die dampfende Tasse vor mir abstellte. Ich nahm sie sogleich in beide Hände und führte sie an meine Lippen. Gedankenverloren blies ich in das heiße Gebräu und weiße Wölkchen stieg auf, ehe ich einen vorsichtigen Schluck nahm. Die dunkle Flüssigkeit glitt weich über meine Kehle und meine Gesichtszüge wurden eine Spur sanfter. Es gab nichts besseres, als Jerrys köstlichen Kaffee. Zufrieden stellte ich die Tasse wieder ab und blickte erneut zu ihm. Noch immer stand er mir direkt gegenüber und beäugte mich schmunzelnd. Na, ist die Welt jetzt wieder in Ordnung?, kicherte er leise. Sagen wir mal mit jedem Schluck wird sie erträglicher., antwortete ich mit leicht kratziger Stimme und räusperte mich augenblicklich. Wohl doch noch nicht richtig wach., kommentierte er und wand sich der Espressomaschine zu. Ich arbeite noch dran., bestätigte ich seine These.
Mein Blick haftete auf seinem Rücken und interessiert sah ich ihm dabei zu wie er eine Dose mit Kaffee öffnete und die gerösteten Bohnen in die Maschine fühlte. Unbewusst wanderten meine Augen über seinen Körper. Er war ein ganzes Stück größer als ich und beeindruckend muskulös. Seine dunkle Haut wurde durch ein weißes, enganliegendes T-Shirt nur noch mehr betont und das krause, kurze, schwarze Haar stand ihm wild vom Kopf ab. Auch wenn er sich sichtlich Mühe gegeben hatte, es mit einer ordentlichen Portion Wachs zu bändigen. Ich lächelte selig und wie auf Kommando drehte er sich nun zurück zu mir. Seine tiefbraunen Augen sahen mich warm an und hinter den vollen Lippen entblößte er zwei Reihen makellos, weißer Zähne.
Ich weiß nicht wie du das machst, aber sobald ich hier bei dir sitze, scheint die Welt still zustehen und mein gesamtes Interesse dreht sich nur noch um deinen Kaffee., lächelte ich. Ach nur mein Kaffee? Und ich dachte du kommst jeden Morgen wegen mir hierher., rief er gespielt entrüstet und begann zu lachen. Erst schaute ich ihn verdutzt an, eh ich begriff und in sein Lachen einfiel. Natürlich wegen deinem Kaffee und dir., berichtigte ich zwinkernd und konzentrierte mich wieder die Tasse vor mir. In zwei kräftigen Zügen leerte ich sie bis zur Hälfte und stellte sie dann wieder ab.
Meine Aufmerksamkeit verflüchtigte sich und mein Blick schweifte durch den Raum, bis er schließlich an dem jungen Mann, ein paar Tische entfernt, hängen blieb. Er wirkte eher unscheinbar in der abgewetzten Jeans und dem beigefarbenen Pulli. Ein dunkles Cappi bedeckte seine Haare und den Kopf hatte er nach unten gerichtet, so dass ich sein Gesicht nicht erkennen konnte. Seine gesamte Aufmerksamkeit ruhte auf der Kaffeetasse vor ihm, in die er angespannt hinein starrte. Was er wohl so früh hier machte? Ging es mir durch den Kopf, auch wenn ich nicht wusste, ob mich eine Antwort wirklich interessierte. Er war eine X-beliebige Person, die das Leid mit mir teilte zu dieser unmenschlichen Zeit bereits wach zusein. Davon gab es in Los Angeles sicherlich nicht gerade wenige. Doch irgendetwas hinderte mich daran, mich von ihm ab zuwänden. Seine schmalen Finger umschlossen das weiße Porzellan und drehten es gedankenverloren auf dem Teller umher, ehe er es ein Stück von sich weg schob. Lässig lehnte er sich zurück und schlug die Beine über einander, bevor er den Kopf hob und unsere Blicke sich trafen. Unbewusst hielt ich die Luft an, als ich in seinen dunklen Augen zu versinken schien. Ein freundliches Lächeln lag auf seinen Lippen und ein Funkeln erhellte seine Augen, das ich nicht recht einzuschätzen wusste.
Widerwillig wand ich mich ab und drehte mich wieder zu Jerry, dem das vorangegangene Schauspiel keinesfalls entgangen war. Er beugte sich dicht zu mir über den Tresen und flüsterte leise. Er ist neu hier. Bisher weiß ich noch nicht viel über ihn. Außer das er seinen Kaffee schwarz und mit Zucker bevorzugt., grinste er. Schwarz und mit Zucker, dachte ich. Das war wohl eher die Mischung, die ich in anderen Lebenslagen bevorzugte.




